Schon Mitte der 1840er Jahre treffen wir im Dorf Atzenbach eine kleine Musikkapelle, eine Tanzmusik von sechs Mann. Die Beliebtheit dieser war sehr groß. Doch auch trotz der starken Bevölkerungszunahme durch die Gründung der Spinnerei Atzenbach 1846 erfolgte keine Vereinsgründung. 

Während der politisch bewegten Zeit der Badischen Revolution 1848 bis 1850 hatte Atzenbach vielfach Einquartierungen durch Bundestruppen. Jede „Lustbarkeit“ war durch Verfügung des preußischen Besatzungskommandos des Prinzen Wilhelm von Preußen streng verboten. Die Musik war zum Schweigen verurteilt. Doch die Musiker wussten das Verbot geschickt zu umgehen. Sie wanderten häufig über den Dinkelberg in die schweizerischen Grenzorte, wo zum fröhlichen Tanz aufgerufen wurde. Zurück kamen sie immer mit vollen Taschen und schönen Erinnerungen.

Im Jahr 1854 wurde der Lehrer Eduard Hermann von der Schule in Rohmatt nach Atzenbach versetzt. Er war ein sehr talentierter Musiker und mit ihm begann das musikalische Leben in der Gemeinde neue Wurzeln zu schlagen. Er erteilte den Angehörigen vom Eisenwerk Hausen Musikunterricht. Zweimal wöchentlich erhielten die Werksangehörigen Urlaub, um die Probe in Atzenbach zu besuchen. Zu dieser Werksmusik gesellten sich nach kurzer Zeit die Atzenbacher Musikanten und gründeten mit ihnen daraufhin am 29. April 1863 die Musikgesellschaft Atzenbach.

 

Sie musizierten einige Jahre gemeinsam und mussten bis dahin für die musikalischen Bedürfnisse selbst aufkommen. Bald war die Musikgesellschaft jedoch an einem toten Punkt angekommen. In der Not suchte man Hilfe beim im gleichen Jahr gegründeten Corps der Feuerwehr. Während die Männer der Feuerwehr gleich zu einem Zusammenschluss zustimmten, stellt der Verwaltungsrat der Feuerwehr die Bedingung, dass sich die Musiker damit als Feuerwehrmusik betrachten. Zum Teil schweren Herzens, aber in Anbetracht der Notlage, stimmten alle Musiker und der Kapellmeister Eduard Hermann zu. Somit wurde aus Musikgesellschaft die Feuerwehrmusik Atzenbach.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 schien das Vereinsleben ein weiteres Mal zum Erliegen zu kommen. Fast alle Musiker waren zum Kriegsdienst eingezogen. Zudem waren die Erlebnisse des Krieges prägend. Vielen war es nicht mehr darum. Bald aber erweckte der Feuerwehrkommandant und Bürgermeister Emil Kaiser die Liebe zur Musik in den Herzen der Musiker und begann das Vereinsleben wieder aufzubauen. Dies trug sehr schnell Früchte und im August 1931 fand sogar das Verbandsfest des Musikverbands Wiesental in Atzenbach statt.

Doch 1938, während der Gleichschaltung der Musik im Dritten Reich, wollte man den Musikbetrieb vollständig einstellen. Karl Zettler, damaliger Bürgermeister versuchte mit aller Kraft dies zu verhindern. Doch es findet sich lediglich ein Protokollbuch mit dem letzten Eintrag: „Aufgrund mangelhafter Probenbesuche im Monat Juni 1939 wurde der Musikbetrieb auf Beschluss des Gesamtvorstandes vorläufig eingestellt“. Drei Monate später, mit Beginn des Zweiten Weltkrieges folgte Leid, Tot und Sterben… es gab keine Musik.

Acht Jahre des totalen Krieges, der Not und abertausender Sorgen vergingen, als der damalige Bürgermeister Emil Lederle am 01. November 1947 eine Versammlung einberief. Man gedachte zuerst den gefallenen Musiker und der zu dem Zeitpunkt noch in Kriegsgefangenschaft befindlichen Musikkameraden, von denen man eine baldige Heimkehr erhoffte.  Die Anwesenden wollten den Betrieb wieder aufnehmen unter dem Vereinsnamen Musikverein Atzenbach. Die Satzung musste in deutsch und französisch abgefasste werden, da die Wiederaufnahme von der französischen Regierung genehmigt werden musste. Noch einmal übernahm Wilhelm Kaps, der zuvor schon als Dirigent im Verein war, die musikalische Leitung.

Doch auch 1964 kam noch einmal eine schwere Zeit. Mit dem Rücktritt des damaligen Vorstandes Alfred Schmider drohte der Verein ein weiteres Mal auseinanderzufallen. Doch die Knabenkapelle, welche am 17. Oktober 1961 unter der musikalischen Leitung von Klaus Ruch gegründet wurde, bewahrte durch ihre Aufnahme in die Stammkapelle den Musikverein vor seiner Auflösung.

Damit kam eine gewisse Beständigkeit in das Vereinsleben. 1974 wurde dem Verein die „Pro Musica“ Plakette des Landes vom Bundespräsidenten verliehen. Diese Auszeichnung ist ein Dank an alle Musiker, die in den vergangenen Jahrzehnten durch ihre Arbeit und ihren Idealismus den Verein getragen haben.

Diese Chronik ist aus dem Jahre 2022. Einer Zeit mitten in der Pandemie. Ein Virus hat das Vereinsleben für zwei Jahre fast völlig zum Erliegen gebracht. Doch neue Medien und kreative Köpfe lassen ein Vereinsleben und ein Miteinander auch in diesen schwierigen Zeiten zu. So verbindet uns bis heute die Freude an der Musik. In der Festzeitschrift von 1974 findet sich ein Satz des damaligen Vorstandes Siegfried Kiefer, der auch heute nicht aktueller sein könnte:
„So hoffen wir, dass der Musikverein auch in unserer heutigen stressgeladenen Zeit Träger der Volksmusik bleibt; ein Stück Tradition und ein Stück Fortschritt zugleich.“